Zu wissen, für wen man was tut – das ist Liebe

Egal ob Kreisch-Konzerte oder fragwürdige Events – mit ergebener Geduld spielt unser Kolumnist für seine Töchter den Begleiter, Bodyguard und Mann fürs Bare. Lässt sich daraus was für die Liebe lernen?

Nummer zwei kann das alles erklären. „Es ist bestimmt so“, sagt sie, „dass man da ganz entspannt was essen kann, was trinken und überhaupt mal relaxen.“ Das wären zumindest halbwegs gute Gründe, warum wir 25 Euro Eintritt dafür bezahlen, in einen Laden zu gehen, um da noch mehr Geld auszugeben. Die Lieblings-Youtuberin von Nummer zwei ist mit einem Popup-Store in der Stadt, und wir haben nicht einfach Karten, wir haben solche, mit denen sich Nummer zwei nach ihrem Einkauf noch 15 Sekunden mit ihrer Heldin unterhalten und ein Foto machen darf. Kurz gesagt: Es ist der beste Tag des Jahres.

„Wie spreche ich sie eigentlich an“, frage ich Nummer zwei, „sage ich Du oder Sie?“ Nummer zwei hat plötzlich pure Angst im Blick. „Bitte, Papa, sag gar nichts, okay?“ Wir sollten um fünf drankommen und stehen seit Viertel nach vier in der Reihe vor der Tür. Jetzt ist es halb sechs. Nummer zwei steht seit mehr als einer Stunde in einer Schlange an. Und ist glücklich. Wir fallen hier auf einen nicht einmal subtilen Trick rein. Eigentlich ist es mehr als das, es ist eine Frechheit, Mädchen 25 Euro für das Recht abzunehmen, noch mal 40 Euro für ein T-Shirt ausgeben zu dürfen. Aber wie sagt man das einer Zehnjährigen, die wahnsinnig glücklich ist? Nummer zwei und ihre beste Freundin, die mit dabei ist, hüpfen vor Aufregung.

Ein Mädchen in einem offiziellen Pop-up-Tour-T-Shirt erklärt zum x-ten Mal den Ablauf. Die Kleider an den Bügeln sind nur zum Anprobieren, die echte Ware „gibt’s an der Kasse“. Und, dran denken: „Keine Kartenzahlung.“ Das ist der Moment, in dem bei den Neuangekommenen Panik ausbricht und die nächste Gruppe Väter mit Portemonnaies in der Hand zum nächsten Geldautomaten sprintet, der fast einen Kilometer weit weg ist. Ich bin nicht der Einzige hier, der absurden Aufwand betreibt, für etwas, das er ablehnt, um damit ein Mädchen glücklich zu machen, das er über alles liebt. Es ist lustig: Das gleiche System würde jede Liebesbeziehung unendlich schön machen. Es ist das einfachste Rezept – Lieben und Aufwand dafür betreiben, die Wünsche des anderen zu erfüllen und ihn glücklich zu sehen. Aber hier, wo der Erziehungsauftrag dazukommt, reicht es nicht, es fühlt sich sogar in Teilen falsch an. Und da, wo es reichen würde, schaffen wir es ja viel zu oft nicht. Wir sind doch alle bekloppt.

In diesem Moment öffnen sich die Türen und wir schieben mit der Masse in den großen Raum voller Kleiderständer. Es ist knüppelvoll. Die angekündigte „Elternlounge“ sind zwei Sessel und ein Sofa mitten im Raum. Vier Sitzplätze für zehn- oder zwanzigmal so viele müde Geldautomaten auf Beinen. Irgendwann wird ein Platz frei, ich setze mich und habe für den Rest des Tages eng gedrängte Hintern auf Augenhöhe, es ist stickig, aber ich bin glücklich. Denn ich habe zwar keine Ahnung, was ich hier tue – aber ich weiß, für wen.

Pantelouris Kolumne: Superpapa

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